Noten von: Woelfl, Joseph

Jugend in Salzburg


Gedenktafel am Standort des Geburtshauses, Festungsgasse 4, gestiftet von einer Salzburger Brauerei Der Sohn des fürstbischöflichen Verwaltungsjuristen Johann Paul Wölfl wuchs in dem Haus auf, in dem auch der Salzburger Hoforganist Michael Haydn wohnte. Die Familie gehörte dem einfachen Adel an. Es ist unklar, ob Woelfl seine frühe musikalische Ausbildung beim jüngeren Haydn erhielt oder beim Vizekapellmeister der Hofkapelle, Leopold Mozart, der nachweislich mit Woelfls Vater bekannt war. Neue Forschungen legen nahe, dass er mit der Ausbildung auf Violine und Klavier bei Leopold Mozart begann. Bereits als siebenjähriger Knabe trat er öffentlich als Geigensolist auf. Seine offenkundige musikalische Begabung führte zur Aufnahme ins „Kapellhaus“, ein eigens für die Unterrichtung der Domsängerknaben errichtetes Internatsgebäude. Nun waren Michael Haydn und Leopold Mozart auch offiziell seine Lehrer. Die religiös streng reglementierte Ausbildung umfasste neben dem Musikunterricht auch die Aneignung von naturwissenschaftlichem und sprachlichem Allgemeinwissen. 1786 schied Woelfl aus dem „Kapellhaus“ aus, nahm aber weiter Privatunterricht bei Leopold Mozart bis zu dessen Tod 1787. Von 1786 bis 1788 studierte er an der Benediktineruniversität Salzburg. Über die nächsten beiden Lebensjahre gibt es keine Informationen. Wahrscheinlich ist, dass Woelfl sich in dieser Zeit selbständig zum Pianisten ausbildete; denn 1790 erschien er in Wien bei W. A. Mozart als fertiger Klaviervirtuose. Erhaltene Werke aus der Salzburger Zeit (Kirchenmusik, Harmoniemusiken, Tänze, Kanons) belegen, dass er zu dem ein Kompositionsstudium durchlaufen haben muss.


Warschau und Wien


W. A. Mozart empfahl Woelfl dem Fürsten Michał Kleofas Ogiński (1765–1833) in Warschau als Klavierlehrer. Zwei Jahre später etablierte sich Woelfl in Warschau (Wohnung in der Marywil 8, 2. Stock) als selbständiger Musiker und wirkte daselbst bis zur III. Polnischen Teilung im Jahre 1795 so erfolgreich als Pianist und Klavierlehrer, dass er mit einem beträchtlichen Vermögen nach Wien zurückkehren konnte. In Warschau entstanden bereits eine Symphonie, ein Klavierkonzert, Klaviervariationen und weitere Klavierwerke. Am 26. Oktober 1792 war ein Orchesterkonzert im Teatr publiczny ausschließlich seinen Werken gewidmet. Nach Wien zurückgekehrt, trat Woelfl als Pianist und Komponist von Opern, Klavier- und Kammermusikwerken an die Öffentlichkeit. Seit seinem Aufenthalt in Warschau schrieb er seinen Familiennamen nicht mehr mit Umlaut, sondern in der internationalen Schreibweise mit oe. Für Emanuel Schikaneder und dessen Vorstadttheater, das Theater auf der Wieden, und die k&k Hoftheater nächst der Burg und am Kärntnertor komponierte er in der Folgezeit einige Singspiele, die in Wien viel Erfolg hatten, anderswo aber eine gemischte Aufnahme stießen. In Leipzig z. B. schrieb man über sein Singspiel Der Kopf ohne Mann von 1798, es handele sich um „eines der ärgsten Marionettenspiele von einem der Wiener Vorstädtetheater“, das stellenweise „ekelhaft“ sei; immerhin sei jedoch an Woelfls Musik dazu „Mehreres sehr gut, und Einiges […] wirklich schön.“In Prag hingegen war diese Oper so erfolgreich, dass sie am 14. April 1799 in tschechischer Übersetzung eine weitere Premiere erfuhr (Titel: Hlawa bez Může).


Das Duell mit Beethoven


Seine pianistischen Fähigkeiten waren allerdings über jeden Zweifel erhaben. In den Wintermonaten 1798/99 kam es im Hause des Freiherrn Raymund Wetzlar von Plankenstern zu einem sogenannten Piano-Duell zwischen Woelfl und dem drei Jahre älteren Ludwig van Beethoven, dessen Ausgang nicht ganz klar war. Der Zeitzeuge Ignaz von Seyfried, Kapellmeister in Schikaneders Theater auf der Wieden, berichtet: „Dort [in Wetzlars Haus] verschaffte der höchst interessante Wettstreit beider Athleten nicht selten der zahlreichen, durchaus gewählten Versammlung einen unbeschreiblichen Kunstgenuss; Jeder trug seine jüngsten Geistesproducte vor; bald liess der Eine oder der Andere den momentanen Eingebungen seiner glühenden Phantasie freien, ungezügelten Lauf; bald setzten sich Beide an zwei Pianoforte, improvisirten wechselweise über gegenseitig sich angegebene Themas und schufen also gar manches vierhändige Capriccio, welches, hätte es im Augenblick der Geburt zu Papier gebracht werden können, sicherlich der Vergänglichkeit getrotzt haben würde.“ Es scheint sich um einen auf mehrere Termine („nicht selten“) verteilten Dauerwettkampf gehandelt zu haben, bei dem nicht nur die größere Geläufigkeit auf den Tasten, sondern auch das feinere Gespür fürs vierhändige Spiel auf zwei Klavieren gefragt war. Seyfried lässt im Fortgang seines Berichtes offen, welchem „Kämpfer vorzugsweise die Siegespalme“ (ebd.) zuzusprechen sei; präzise setzt er jedoch Woelfls Spiel von dem Beethovens (das er, in ähnlichem Ton wie andere zeitgenössische Autoren, als „alle beengenden Fesseln“ sprengend, „das Joch der Knechtschaft“ abschüttelnd, „einem wild schäumenden Cataracte [gleich]“ beschreibt) ab; Woelfls Spielweise erscheint als apollinisch-klare Gegenthese zu Beethovens dionysisch-unberechenbarem Ausdrucksspiel: „Wölfl hingegen, in Mozart’s Schule gebildet, blieb immerdar sich gleich; nie flach, aber stets klar, und eben desswegen der Mehrzahl zugänglicher; die Kunst diente ihm blos als Mittel zum Zwecke, in keinem Falle als Prunk- und Schaustück trockenen Gelehrtthuens; stets wusste er Antheil zu erregen und diesen unwandelbar an den Reihengang seiner wohlgeordneten Ideen zu bannen.“


Auf Reisen


Im Jahr 1798 hatte Woelfl die Schauspielerin Therese Klemm geheiratet, die ihm einen Sohn gebar. Doch das eheliche Glück währte nicht lange: Im März 1799 brach er allein zu einer Konzertreise von einjähriger Dauer auf, die ihn über Prag, Dresden. Leipzig und Berlin bis nach Hamburg führte. Im Sommer 1800 hielt er sich für kurze Zeit wieder in Wien auf; danach verließ er die Hauptstadt des Habsburgerreichs für immer. Auf seinen Tourneen verschaffte er sich einen Ruf, der ihn berühmt für seine Virtuosität und seinen kompositorischen Einfallsreichtum machte. Seine großen Erfolge ließen bald Gerüchte entstehen. In Prag, so erinnert sich Václav Jan Tomášek, verlor er angeblich beim Billardspiel so viel Geld, dass er seinem Spielpartner die Einnahmen aus dem noch ausstehenden Prager Konzert versprechen musste. Andererseits erstaunte er die Zuhörer mit der exakten Wiedergabe eines für vier Hände notierten Stückes von Mozart. In Dresden spielte er sein Konzert in C-Dur spontan in Cis-Dur, obwohl es zu dieser Zeit als eines der technisch anspruchsvollsten Werk für Klavier galt, weil der Klavierstimmer das um einen halben Ton zu tief stehende Instrument nicht mehr rechtzeitig hatte umstimmen können. Er verstand es ferner, sein Publikum mit einfallsreichen Konzertprogrammen zu fesseln. In Berlin z. B. spielte er eine „musikalische Badinage“ nach Abbé Vogler, die folgende Teile aufwies: Romanza aus der Oper Das schöne Milchmädchen „Die ruhige See, das Aufsteigen eines Gewitters, Blitze, Donner, einen heftigen Sturm, der aber nach einiger Zeit wieder nachlässt – voriger Zustand der See – Uebergang in ein bekanntes Lied, worüber variiert und phantasirt ward.“ Woelfl war spontan in seinen Eingebungen: In Mainz überraschte er die Zuhörer mit der unvermittelten Improvisation über einen zufällig von draußen hereinklingenden Zapfenstreich. Auch sein 1926 veröffentlichter Briefwechsel mit dem Verlag Breitkopf & Härtel verrät einen zu Scherzen am Rande der Geschmacklosigkeit aufgelegten Menschen. Am 10. Juli 1799 beispielsweise berichtet er dem Verlag: „Von interessanten Neuigkeiten weiß ich nichts weiter, was mich betrifft, als daß ich gestern meinen Pißtopf aus Ungeschicklichkeit umstieß, wobei einer meiner Pantoffeln sehr zu Schaden kam; er befindet sich aber heute wieder etwas besser.“ Möglicherweise hat Woelfl diesen derben Tonfall der Mozart-Familie zu verdanken. Anschließend bedauert er mit scherzhaftem Unterton, dass ein während eines Konzertes in Berlin von oben herab stürzender Gegenstand niemanden zu Tode gebracht habe, weil ein tödlicher Ausgang „viel zu Verherrlichung meines Konzerts beigetragen hätte“.


Paris


Als Woelfl sich im September 1801 für vier Jahre in Paris niederließ, machte er sich daran, größere Instrumentalwerke zu publizieren; mit seinen Auftritten als Pianist vermochte er auch die Pariser Öffentlichkeit zu überzeugen, und so hatte er keinerlei Schwierigkeit, einen Verleger für seine Klavierkonzerte zu finden: nach seinem ersten in Warschau entstandenem Klavierkonzert erschienen zwei weitere Werke dieser Gattung 1802 bzw. 1803 bei éditions Nadermann; das letztere wurde zusätzlich von Breitkopf & Härtel ein Jahr später in Leipzig publiziert. Am 3. März 1804 brachte er in Paris sein erstes französisches Bühnenwerk, die Opéra en une acte L’Amour romanesque, zur Aufführung (Libretto A. Charlemagne); am 11. Februar 1805 folgte mit Fernand ou Les Maures eine heroische Oper (Libretto Bussy). In den Pariser Salons nannte man ihn Monsieur Wolff, weil die Diminutivform Woelfl für eine Beleidigung des großen Künstlers gehalten wurde. Trotz aller Erfolge hielt es ihn nicht lange in Paris; 1802/03 tourte er durch Belgien und die Niederlande. Wenig später berichtete er Gottfried Christoph Härtel, er wolle nunmehr nach London auswandern und sich dort mit einem Klavierkonzert und einer Sinfonie etablieren. Vorerst aber scheiterte der Plan.


London


Joseph Woelfl (Gravure de Meyer, 1811) Doch im Mai 1805 siedelte er nach London über, wo die Konzertveranstalter darum wetteiferten, ihn für ihre Veranstaltungen zu gewinnen. Er trat im Opernhaus Covent Garden, in Hyde’s Room in den Hanover Square Rooms sowie im King’s Theatre auf, wo ihm der höchst ehrenhafte Auftrag zuteilwurde, das Fest-Ballett Naval Vivtory or Triumph of Lord Nelson anlässlich des Sieges bei Trafalgar zu komponieren. Zu seinem Debüt als Pianist am 27. Mai spielte er, wie zwei Jahre zuvor angekündigt, ein neues Klavierkonzert und brachte eine ungedruckte Sinfonie zur Aufführung. Viel Erfolg hatte er mit seinem 1806 im London im Druck erschienenen Klavierkonzert Le Calme; es erklang innerhalb von zwei Monaten vier Mal in öffentlichen Konzerten. Härtel gegenüber äußerte er, dass er nunmehr in London bleiben wolle. Woelfl stand mit den wichtigsten Personen des Londoner Musiklebens in Kontakt, mit Johann Peter Salomon, dem Konzertveranstalter, der in den 1790er Jahren zwei Mal Haydn nach London geholt hatte, mit Muzio Clementi, dem um eine Generation älteren Verleger und ehemaligen Pianisten, der sich 1781 mit Mozart auf ähnliche Weise duelliert hatte wie Woelfl später mit Beethoven, mit dem Klaviervirtuosen Johann Baptist Cramer und der Sängerin Angelica Catalani. Weitere prominente Partner waren die Sängerinnen Storace, Griglietti und Dickons, das Ehepaar Dussek, die Harfenvirtuosen Dizi und Kollmann und der Geiger Bridgetower. Zu einem Klavierduell ganz besonderer Art kam es 1807 mit dem Kollegen Jan Ladislav Dussek; mit dem Woelfl seit gemeinsam verbrachter Zeit im Jahr 1799 in Hamburg bekannt war, und der in London einen hervorragenden Ruf als Pianist genoss. Woelfl krankte nicht gerade an mangelndem Selbstbewusstsein, und um seine pianistischen Fähigkeiten öffentlich ins rechte Licht zu rücken, gab er seiner Klaviersonate F-Dur op. 42 den Beinamen Non plus ultra. Dusseks Londoner Verleger erwiderten mit dem Nachdruck von dessen Sonate As-Dur op. 64, die mit dem Beinamen Plus ultra versehen wurde. In den Konzerten des Impresarios Salomon war er regelmäßig als Solist eigener Konzerte oder mit Solowerken zu hören. Woelfl ließ auch den Kontakt nach Leipzig nicht abbrechen. Im Jahr 1808 übernahm Breitkopf & Härtel den Verlag seiner beiden Sinfonien op. 40 und op. 41c. Als Kuriosum sei seine Aufführung der Ouvertüre zu Mozarts Zauberflöte auf der Orgel des Großen Konzertsaals des King’s Theatre am 28. Mai 1806 erwähnt. Nach drei Jahren galt Woelfl, der in der laufenden Saison bis zu dreimal pro Woche auftrat, als bedeutendster Musiker der Stadt und erzielte Einkünfte, die jene von J. Haydn, W. A. Mozart und L. v. Beethoven zusammengenommen überstiegen. In London entstand der Hauptteil seiner Werke, in welchen alle Sparten der Musik von der Großen Oper bis hin zum kleinen Klavierstück berücksichtigt sind. In London ging Woelfl erneut eine Ehe ein, der ein Sohn entspross; seine Nachkommen sind bis in unsere Zeit in England feststellbar. Woelfl hatte in London vier Adressen: No 43, Gerrard Street, Soho; No 45, Rathbone Place; No 18, Sackville Road, Piccadilly und Great Mary-le-bone Street. Als Woelfl am 21. Mai 1812 nach kurzer Krankheit verstarb war er hoch angesehen und begütert und lebte im Londoner Nobel-Vorort Mary-le-bone. Die von Napoleon im November 1806 verhängte Kontinentalsperre machte allerdings die Kommunikation zwischen London und dem Kontinent zu einer schwierigen Angelegenheit. So gelangte die Nachricht über seinen Tod erst mit großer Verspätung nach Mitteleuropa. Woelfl-Gedenktafel (2012) im Londoner Vorort Mary-le-bone (anlässlich der Feiern zur Wiederkehr des 200. Todestages) Woelfls früher Tod war der Preis für seine nebeneinander mit gleicher Intensität verfolgten Karrieren als Komponist, Pianist, Kompositions- und Klavierlehrer. Nach seinem Tod nahmen sich zahlreiche Verleger seiner Werke an und publizierten sie bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. In einem Nachruf wurde festgestellt, dass es wohl in ganz England keinen Haushalt gebe, in dem nicht auf dem Klavier ein Werk Woelfls liege. Die großen Erfolge und die hohen Einkünfte Woelfls ließen noch zu seinen Lebzeiten eine Neid-Literatur entstehen, an der sich hauptsächlich kontinentale Autoren beteiligten. Hier tat sich besonders Ignaz von Seyfried hervor, der sich noch 26 Jahre nach dem Tod Woelfls bemüßigt fühlte, dessen Andenken mit frei erfundenen Verunglimpfungen in Misskredit zu bringen. Sie wurden von späteren Autoren bis in die jüngste Zeit ungeprüft übernommen, obwohl sie bereits 1879 durch J. H. Mee widerlegt worden waren.


Quelle: Wikipedia (03.08.2014)